Interview mit Christoph Paul - Mediation in Familienunternehmen
Mediation

Mediation in Familienunternehmen – Im Gespräch mit Christoph C. Paul

Ich hatte die wertvolle Gelegenheit, mit Christoph Paul über Mediation in Familienunternehmen zu sprechen. Christoph ist ein Mediator der ersten Stunde, der sowohl die Mediationslandschaft in Deutschland als auch mich persönlich stark geprägt hat. Er hat mich als Mentor unterstützt und begleitet. Ohne ihn wäre ich heute nicht der Mediator, der ich bin. Gemeinsam haben wir unter anderem Seminare an der Osaka Universität durchgeführt, an die ich sehr gerne zurückdenke.

Christoph ist im Grundberuf Rechtsanwalt und Notar und hat 1995 seine Tätigkeit als Mediator mit einer Ausbildung begonnen. Familienunternehmen ist einer seiner Lieblingsbetätigungsbereiche: Ursprünglich kommt er aus der Familienmediation, aus der Verknüpfung zu seiner Tätigkeit als Anwalt und Notar ergab sich später ein stärkerer Fokus auf Erbmediation und die Mediation in Familienunternehmen. Die Frage der Unternehmensnachfolge ist ein wichtiger Schwerpunkt seiner Arbeit.

Kindheit und prägende Erfahrungen

Christoph ist in einer behüteten Kindheit groß geworden. Er ist in den 50er Jahren in Oldenburg aufgewachsen, damals noch eine beschauliche Kleinstadt.

Eine Episode, die ihn bis heute prägt: Da war er etwa 8 Jahre alt. Im Keller sollten Regale eingebaut werden – für die Akten seines Vaters, der selbst Anwalt und Notar war. Ein älterer Mann wurde gebeten, die Regale zu zimmern. Er kam mit alten Brettern, Leisten, Hammer und Nägeln. Der Vater kaufte dem kleinen Christoph einen kleinen Hammer, eine Greifzange und einen Fuchsschwanz und sagte zu dem alten Herrn: „Hier ist mein Sohn, das ist jetzt Ihr Assistent. Bringen Sie dem Christoph das bei. Christoph, du hilfst dem jetzt."

Christoph hat dann mit diesem alten Herrn zusammen die Regale aufgebaut. Er sagte, so gut er es vermag, nahm Maß, schlug Nägel ein, und ab und an sich selbst auf den Finger, zog krumme Nägel raus, um sie gerade wieder einzuschlagen. Am Ende stand ein Regalwerk, das bis zum Auszug aus diesem Haus ganz selbstverständlich genutzt wurde.

„Dieses Zutrauen in mich und in meine Fähigkeit als kleiner Handwerker – du wirst das schon schaffen – hat mich sehr geprägt. Und das ist auch etwas, was prägend ist für die Mediation. Ich habe immer wieder die Idee: Ich glaube, die schaffen das. Man muss nur manchmal sagen: Zieh den Nagel nochmal raus, den kannst du gerade klopfen."

Eine zweite prägende Erfahrung war das Internationale: Christophs Vater war gebürtiger Norweger. Wenn norwegische Vettern oder Cousinen zu Besuch kamen, war immer eine wahnsinnig gute Stimmung im Haus. „International war einfach gute Laune – und Aufregung." Diese Offenheit für das Internationale hat sein ganzes Leben bis heute beeinflusst.

Der Weg in die Mediation

Nach 17 Jahren als Rechtsanwalt und Notar dachte Christoph: Da muss noch was anderes sein. Es gibt im Rahmen der Konfliktbeilegung sicherlich noch einige psychologische Dynamiken, die eine Rolle spielen und die man einbeziehen sollte. Einige Denkanstöße in diese Richtung gab ihm sicherlich auch seine Frau, die Psychotherapeutin ist.

1995 fand Christoph einen Flyer: Mediationsausbildung. „Da dachte ich: Das ist es. Und ich bin froh, dass ich gleich sofort diesen Weg gegangen bin, der doch mein Leben sehr geprägt und verändert hat." Eine Bauchentscheidung – die sich als absolut richtig herausstellte.

Er hatte das Glück, Mediation gleich vollständig in seinen Berufsalltag integrieren zu können: ein Drittel als Anwalt, ein Drittel als Notar, ein Drittel als Mediator. Als Anwalt schaute er, inwieweit Fälle mediationsgeeignet waren, und empfahl andere Mediatoren. Im Notariat nutzte er das Handwerkszeug der einvernehmlichen Regelung, das er in der Mediation gelernt hatte. Und in der Mediation konnte er die rechtlichen Rahmenbedingungen gut einschätzen.

Christoph engagierte sich auch berufspolitisch: zwölf Jahre Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft für Familienmediation, Mitarbeit in einem Expertengremium am Mediationsgesetz. 2002 wurde er vom Bundesministerium der Justiz angefragt, ob der Verein MiKK e.V. Mediation in internationalen Kindesentführungsfällen anbieten könnte – eine Aufgabe, die er mit großer Leidenschaft aufgriff und dafür die Cross-Border Family Mediation mitentwickelte.

„Momentan ist es der Mediator" – so antwortet Christoph auf die Frage nach seiner Identität. Viele Jahre waren alle drei Bereiche gleichwertig nebeneinander, und alle drei haben ihn enorm erfüllt.

Was ist Mediation?

Für diejenigen, die eine Mediation in Betracht ziehen: Mediation ist ein strukturiertes Verfahren, in dem den am Konflikt Beteiligten mit Unterstützung eines Dritten – eines oder mehrerer Mediatoren – eine Hilfestellung gegeben wird, eigenverantwortlich eine Regelung für ihre Konfliktsituation zu finden.

Die Prinzipien: Freiwilligkeit, Vertraulichkeit, balancierte Wertschätzung, Eigenverantwortlichkeit. Für Außenstehende erscheint der Prozess zunächst unübersichtlich. Genau deshalb ist es die Aufgabe der Mediatoren, dem Gespräch Struktur und Rahmen zu geben. Im Idealfall endet das Verfahren mit einer Vereinbarung, die den Konflikt beilegt.

„Es geht nicht darum, den Konflikt zu lösen – das ist eine etwas zu hohe Erwartung. Aber man versucht eine Regelung zu finden, die den Beteiligten eine Chance gibt, die nächsten Schritte zu gehen – entweder im Hinblick auf eine gemeinsame weitere Zusammenarbeit oder im Hinblick auf eine ganz klare, gelungene Trennung."

Wie wirkt Mediation in Familienunternehmen?

Familienunternehmen haben die Besonderheit, dass drei Felder ineinandergreifen: auf der einen Seite die Familie mit allen Werten, die darin stecken; zum zweiten das Unternehmen, das nach ganz anderen Prinzipien funktioniert; und dann das Vermögen, das Eigentum, das die finanzielle Basis all dessen bildet.

Gerade bei Fragen der Nachfolge und Neugestaltung ist das oft ein „unendliches Wirrwarr". Mediation hilft den Beteiligten, sich auf ihre Interessen auf diesen drei unterschiedlichen Feldern zu fokussieren. Das ermöglicht einen Klärungsprozess und dann einen Gestaltungsprozess.

„Ich erlebe gerade im Bereich von Unternehmensnachfolge immer: Das ist ja toll, so können wir das machen! Viele sind überrascht, was möglich ist, was am Anfang völlig undenkbar erscheint und was dann im Prozess klar wird."

Die Familie mit all ihren Loyalitäten, Enttäuschungen, Wünschen, Sehnsüchten, mit der Liebe oder der enttäuschten Liebe funkt immer in das Unternehmen rein, wo ganz andere Prinzipien gelten. Den Beteiligten zu helfen, dort Struktur und Klarheit zu bekommen – das ist die Aufgabe des Mediators.

Ein Beispiel aus der Praxis

Christoph schildert einen Fall – etwas abgewandelt, um die Vertraulichkeit zu wahren.

Die Protagonisten: Ein Vater, gut 70, hat am Rande einer Großstadt einen Hof übernommen und ihn als Eventlocation für Hochzeiten und Geburtstage entwickelt, eine Gastronomie aufgebaut und den einst zerfallenen Hof aufgebaut. Als bei ihm eine Krankheit festgestellt wurde, begann er über die Unternehmensnachfolge innerhalb der Familie nachzudenken.

Die Tochter aus erster Ehe, Mitte 20, war auf diesem Hof aufgewachsen und seit einiger Zeit im Eventmanagement tätig. Der Vater fragte sie, ob sie den Betrieb übernehmen wolle.

Die dritte Beteiligte war die zweite Ehefrau, die ebenfalls auf dem Hof wohnte und sehr viel Geld eingebracht hatte. Mit diesem Geld wurde ein großer Anbau finanziert. Sie lebte dort mit den zwei kleinen Kindern aus der zweiten Ehe.

Der Kontakt kam durch die Tochter zustande, die Christoph anrief und die Situation skizzierte. In der ersten Sitzung, an der nur der Vater und die Tochter teilnahmen, stellte Christoph die Frage, die er immer stellt: „Warum kommen Sie denn eigentlich zu mir und machen das nicht zu Hause am Küchentisch?"

„Es wurde ganz schnell deutlich, dass das bei denen einfach nicht ging. Die Tochter sagte: Mein Vater ist ein Choleriker. Sobald ich irgendetwas sage, ist der an der Decke. Und das geht gar nicht mit uns beiden."

Christoph arbeitete dann über den Begriff des Charismatikers – denn ein Choleriker hat auch noch eine andere Seite. Er entwickelte mit dem Vater, was er alles aufgebaut hatte: wie er vor 30 Jahren diesen Hof als Ruine mehr oder weniger gekauft, dort gelebt und alles entwickelt hatte. „Über dieses Persönliche mit dem Charisma hatte ich ihn – da hatte ich ihn persönlich, und er konnte sich und seine Arbeit entfalten."

Sie arbeiteten dann ein halbes Jahr zusammen – teilweise zu dritt, teilweise zu viert mit der zweiten Ehefrau. Viele Fragen mussten geklärt werden: Wo kann die Tochter wohnen, wenn sie auf den Hof zieht? Wie werden die kleinen Kinder berücksichtigt? Wie wird der Vater im Alter versorgt? Wie sichert die zweite Ehefrau ihr eingebrachtes Kapital?

Das Ergebnis: Die Tochter bekam 51 % der Geschäftsanteile mit der Möglichkeit, die restlichen 49 % im Todesfall des Vaters zu übernehmen. Bei der Geschäftsführung war die Frage knifflig: Die Tochter bestand auf alleiniger Geschäftsführung, für den Vater war das undenkbar. Als Übergangslösung führten beide gemeinsam.

Die zweite Ehefrau erhielt den Neubau als ihr Alleineigentum – gegen Verzicht auf das Darlehen, das sie dem Vater gegeben hatte. Den Pensionsbetrieb führt sie als eigenes Unternehmen. „Ein schönes Beispiel dafür, wie kreativ die Lösungen in der Mediation sein können – und ein großer Vorteil, einzelne Phasen planen zu können."

Wie finden Familienunternehmen den Weg in die Mediation?

Die meisten wenden sich bei komplexen Problemen wie Unternehmensnachfolge nicht als Erstes an Mediatoren, sondern an Anwälte, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer. Sie haben dabei den Vorteil, dass sie delegieren und andere machen lassen können. Damit verlieren Sie aber auch die Möglichkeit zur eigenen Gestaltung.

„Mediation und Rechtsberatung schließen sich nicht aus – es ist kein Entweder-oder. Die Anwälte und Steuerberater haben ihre Rolle im Prozess. Das Kommunikative, der wirkliche Austausch, das ist in der Mediation besser aufgehoben."

Was Christoph immer wieder beeindruckt: Leute, die Unternehmen geführt haben, sind Leute, die etwas geschaffen haben. Wenn diese Innovationskraft, diese Vision, die sie entwickelt haben, jetzt noch einmal neu zur Entfaltung kommen kann, das ist beeindruckend.

Ein Appell zum Schluss

„Mediation ist immer einen Versuch wert. Der Mehrwert, eigenverantwortlich etwas zu erarbeiten, ist nach meiner Erfahrung enorm. Familien kennen ihre Familie besser als irgendjemand anderes. Die Leute, die im Unternehmen stecken, kennen das Unternehmen besser als irgendjemand anderes. Die Leute wissen genau, wie das Vermögen aufgebaut wurde und für was es dienen muss."

Christoph spricht von dem Respekt, den er vor Menschen hat, die in die Mediation gehen: „Das sind Leute, die sich ihrer eigenen Möglichkeit stellen und die Kreativität bei sich suchen und daran arbeiten. Die wagen etwas."

Und sein praktischer Rat: Guckt euch an, welcher Mediator zu euch passt. Wer passt persönlich, wer passt menschlich, wer bringt das an Möglichkeiten mit, was ihr euch vorstellt? Probiert es aus.

„Wagt es. Geht in die Mediation. Versucht es. Die Erfahrung lehrt, dass es ein wirksames Verfahren ist, welches wirklich ein unglaubliches Potenzial birgt." – Christoph Paul

Das vollständige Interview

Das vollständige Gespräch mit Christoph Paul kannst du dir auf YouTube ansehen: